Wilhelm Tönnis

Rektor 1960 - 1961

* 16.06.1898 (Dortmund-Kley), † 12.09.1978 (Köln)
Professor für Neurochirurgie
Dr. med. Dr. med. h.c.

Wilhelm Tönnis (geb. am 16.6. 1898 in Dortmund-Kley) immatrikulierte sich 1916 an der Universität Bonn für das Landwirtschaftsstudium, wurde aber als Feldartillerist eingezogen. Wenige Tage vor Ende des Ersten Weltkrieges erlitt er einen Oberschenkeldurchschuss und wurde auf der Fahrt ins Lazarett noch stärker verwundet. 1919 schrieb er sich an der Universität Marburg für Medizin ein und legte an der Universität Hamburg 1924 seine Doktorarbeit "Ein Beitrag zur Klassifizierung und Gruppierung der Vitamine" vor. Während seines Studiums begeisterte sich Tönnis für Innere Medizin, entschied sich aber für das in Deutschland noch wenig entwickelte Fach der Hirnchirurgie. Nach einem kurzen Volontariat auf einer chirurgischen Kinderstation in Frankfurt/M. ging er auf ein Angebot von Fritz König ein, an die Chirurgische Universitätsklinik nach Würzburg zu kommen, wo er sich 1929 mit dem Thema "Experimentelle Untersuchungen zur Entstehung der postoperativen Blutveränderungen" habilitierte. Prof. König unterstützte seine Bewerbung um ein Rockefeller-Stipendium. Dadurch konnte Tönnis 1932 seine siebenmonatige Spezialausbildung bei einem der damals bekanntesten Neurochirurgen, Herbert Olivecrona, am Karolinska-Institut in Stockholm beginnen. Nach seiner Rückkehr aus Schweden leitete Tönnis 1934 in Würzburg die erste selbstständige neurochirurgische Abteilung in Deutschland. 1937 folgte Tönnis einem Ruf an den a.o. Lehrstuhl für Neurochirurgie in Berlin, das seit 1932 als das größte und modernste Hirnforschungsinstitut der Welt galt. Dort war er Direktor der Hansaklinik der Universität und gleichzeitig Leiter der Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Oberstabsarzt der Luftwaffe für die Versorgung der Hirn- und Nervenverletzten verantwortlich. Er organisierte eine mobile Einheit von Ärzten, die eine Erstversorgung der Verletzten an der Front übernahm und den Rücktransport der Verwundeten in die Heimatlazarette begleitete. Nach Kriegsende wurde Tönnis zum kommissarischen Leiter und Direktor über 16 Lazarette ernannt. 1946 trat Wilhelm Tönnis eine Stelle als Direktor und Chefarzt des Knappschaftskrankenhauses in Bochum-Langendreer an, baute dort ein neues Zentrum für Hirnchirurgie auf und kooperierte in dieser Zeit eng mit dem Kölner Physiologen E. Klenk. 1948 folgte Tönnis dem Ruf an die Universität zu Köln als Ordinarius auf den ersten o. Lehrstuhl für Neurochirurgie in Deutschland und wurde von 1949-69 Direktor der Neurochirurgischen Klinik (Lindenburg). Gleichzeitig berief die Max-Plank-Gesellschaft für Hirnforschung ihn zum Direktor der Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie. 1952 wurde er in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen. 1955 ernannte man ihn zum Präsidenten des "Gesamtverbandes deutscher Nervenärzte". 1958-59 wählte man ihn zum Dekan der Medizinischen Fakultät, 1960-61 zum Rektor der Universität zu Köln. Seine Leistungen wurden mit zahlreichen Auszeichnungen, wie der Ottfried Foerster-Medaille, der Erb-Medaille, der Harvey Cushing-Medaille und der Paracelsus-Medaille anerkannt. Außerdem wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern verliehen. Er war Ehrenmitglied von 21 in- und ausländischen Fachgesellschaften, Ehrendoktor der Universitäten Lima/Peru, Göttingen, Berlin und Köln. 1966 emeritierte ihn die Universität zu Köln, 1968 die Max-Planck-Gesellschaft, an der er noch bis kurz vor seinem Tod tätig war. Bis zum Ende seiner Würzburger Zeit arbeitete Tönnis in erster Linie auf den Gebieten der Dickdarm- und der Hirnchirurgie. In Köln widmete sich Tönnis der operativen Weiterentwicklung der Neurochirurgie, insbesondere der Früherkennung von Hirntumoren und der Hirngefäßmissbildungen (Angiome) sowie die Pathophysiologie der intrakraniellen Drucksteigerungen. Der neuroradiologischen Entwicklung gab er maßgebliche Impulse. Seit 1936 war er Herausgeber des "Zentralblatts für Neurochirurgie". Von 1954-69 veröffentlichte er gemeinsam mit Herbert Olivecrona das sechsbändige Handbuch der Neurochirurgie. Trotz der fortschreitenden Spezialisierung seines Faches betonte er die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit angrenzenden Fachgebieten. Wilhelm Tönnis starb am 12. September 1978 in Köln.

Quellen: Willehad Paul Eckert: Kleine Geschichte der Universität Köln, Köln 1961, S. 210; UAK, Rektor Willeke: Nachruf auf Wilhelm Tönnis, Oktober 1978; Ingeborg Geiger: Das Leben und Werk von Wilhelm Tönnis unter besonderer Berücksichtigung seiner Würzburger Zeit, Würzburg 1981; Wilhelm Tönnis: Jahre der Entwicklung der Neurochirurgie in Deutschland, bearb. u. ergänzt von Klaus Joachim Zülch, Berlin u.a. 1984; DBE, Bd. 10, München u.a. 1999, S. 57; Erich Meuthen (Hrsg.): Kölner Universitätsgeschichte, Bd. III: Die neue Universität. Daten und Fakten, Köln u.a. 1988, S. 167; Hans-Walter Schmuhl: Hirnforschung und Krankenmord. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung 19371945, Ergebnisse 1, Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus", Berlin, Oktober 2000; Hans-Walter Schmuhl: "Rasse, Rassenforschung, Rassenpolitik. Annäherung an das Thema", in: Hans-Walter Schmuhl (Hrsg.): Rassenforschung am Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933, Göttingen 2003, S. 7-37.