Theodor Schieder

Rektor 1962 - 1964

* 11.04.1908 (Öttingen/Bayern), † 08.10.1984 (Köln)
Professor für Mittlere und Neuere Geschichte
Dr. phil.

Theodor Schieder (geb. am 11.4.1908 in Öttingen/Bayern) studierte seit 1926 Geschichte, Germanistik und Geografie in München und Berlin und wurde 1933 in München bei Karl Alexander von Müller über "Die Kleindeutsche Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Einheit" promoviert. 1930 trat er der Volkskonservativen Vereinigung bei und ging 1934 nach Königsberg/Pr. 1937 wurde Schieder Mitglied der NSDAP. 1939 habilitierte er sich mit der Untersuchung "Deutscher Geist und ständische Freiheit im Weichsellande. Politische Ideen und politisches Schrifttum in Westpreußen von der Lubliner Union bis zu den polnischen Teilungen (1569-1772/73)". Seit 1935 leitete er die Königsberger "Landesstelle für Nachkriegsgeschichte". 1942 wurde er als o. Prof. für Neuere Geschichte an die Universität Königsberg berufen. Dort war er Dekan der Philosophischen Fakultät und aktives Mitglied im NS-Dozentenbund. Nach seiner Flucht aus Königsberg folgte Theodor Schieder 1948 dem Ruf an die Universität zu Köln als Ordinarius für Mittlere und Neuere Geschichte. Den Lehrstuhl leitete er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1976. Hier stieg er zu einem der einflussreichsten westdeutschen Historiker auf. 1952 wählte man Theodor Schieder zum Dekan der Philosophischen Fakultät, 1962 zum Rektor der Universität zu Köln. Seit 1952 war er für den historischen Teil der Diplomatenausbildung im Auswärtigen Amt verantwortlich. 1953 wurde er Mitglied und ab 1978 Vorsitzender des Kuratoriums der von ihm initiierten Stiftung Historisches Kolleg im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in München. Er gehörte seit 1954 der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften an, deren Präsident er 1978 wurde. 1964 ernannte man Schieder zum Präsidenten der Historischen Kommission bei der Bayer. Akademie der Wissenschaften. 1965 gründete er die Forschungsabteilung des Historischen Seminars und leitete diese bis zu seinem Tod. Von 1967-72 war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. Theodor Schieder beschäftigte sich zeitlebens mit der Geistesgeschichte der Nationen, vorzugsweise mit der des 19. Jahrhunderts ("Das deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat", 1961). Anfangs stand die Selbstbehauptung des eigenen Volkes im Mittelpunkt. Nation definierte er in jungen Jahren als ethisch homogene Gemeinschaft aller Deutschsprachigen. Gleichzeitig zeigte sich sein ideengeschichtliches Interesse, das er ebenfalls kontinuierlich verfolgte. 1935 veröffentlichte er die Abhandlung über "Die preußische Königskrönung von 1701 und die politische Ideengeschichte", 1983 die Biografie "Friedrich der Große. Ein Königtum der Widersprüche". Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte Schieder eine tiefe Krise seines politischen und historischen Denkens. Die Grundlage seines Wirkens als Professor an der Universität zu Köln orientierte sich fortan an dem skeptischen Geschichtsbild Jacob Burckhardts. Er gehört zu den Begründern einer methodisch reflektierten Sozial- und Strukturgeschichte in Deutschland, die wegen ihres innovativen Potenzials gerade für junge und häufig politisch linksstehende Nachwuchswissenschaftler sehr attraktiv war und seinen Erfolg nach 1945 mitbegründete. 1957 übernahm er die Schriftleitung der "Historischen Zeitschrift", daneben die Leitung der "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa" (5 Bde., 1953-61).1958 veröffentlichte er das Buch "Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit". Seit 1968 war er Mitherausgeber des siebenbändigen Handbuchs der Europäischen Geschichte. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit bestand in methodologischen, theoretischen und allgemeinen Fragen der Geschichtswissenschaft und des Geschichtsdenkens ("Geschichte als Wissenschaft", 1965). Für seine Verdienste als Gelehrter und Wissenschaftsorganisator wurde er als Mitglied in die Bayerische Akademie der Wissenschaften sowie in den Beirat des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz gewählt. Seit 1971 war Schieder auch Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste sowie Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Er starb am 8. Oktober 1984 in Köln. 1992 veröffentlichten R. Ebbinghaus und K. H. Roth den Entwurf einer "Polendenkschrift" Theodor Schieders vom 9. Oktober 1939. Hier äußerte sich Schieder über Siedlungs- und Volkstumsfragen in den wiedergewonnenen Ostprovinzen und schlug die Deportation mehrerer hunderttausend Polen sowie die "Entjudung" Restpolens vor. Während Schüler Schieders wie W. J. Mommsen und H. U. Wehler sich zwar bedrückt über das hartnäckige Schweigen ihres Lehrers über seine nationalsozialistische Vergangenheit sowie von den neuen Erkenntnissen über Schieder zeigen, sehen sie in ihm einen typischen Mitläufer der Diktatur. Dagegen bewertet der Holocaustforscher G. Aly die Arbeiten Schieders vor 1945 als Vorstufe des "Generalplan Ost", der die Vernichtung der Juden zum Ziel hatte. Während des 150. Deutschen Historikertages im September 1998 war die Rolle der Historiker im Dritten Reich, insbesondere die Bedeutung Schieders, Erdmanns und Conzes in diesem Zusammenhang Thema einer heftigen und kontrovers geführten Auseinandersetzung.

Quellen: Universität zu Köln (Hrsg.): Theodor Schieder zum 75. Geburtstag am 16. April 1983, Köln 1983; UAK, Rektor Gutmann: Nachruf auf Theodor Schieder, Oktober 1984; DBE, Bd. 8, München u.a. 1998, S. 624-25; Burkhard Dietz: "Die interdisziplinäre 'Westforschung' der Weimarer Republik und NS-Zeit als Gegenstand der Wissenschafts- und Zeitgeschichte", in: "Geschichte im Westen. Zeitschrift für Landes- und Zeitgeschichte, 14. Jg., H 2, 1999; Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die 'volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' von 1931-45, Baden-Baden 1999, S. 20f., 44, 473, 551f., 577f., 580f., 785; Winfried Schulze u. Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt/M., 2. Aufl., 2000; Leo Haupts: "Die 'Universitätsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung' und die Politische Indienstnahme der Forschung durch den NS-Staat. Das Beispiel der Universität zu Köln", in: Rheinische Vierteljahrs-Blätter, Jg. 68, 2004, S. 172-200, S. 181.