Karl Thiess

Rektor 1923 - 1924

* 19.09.1870 (Löbejün/Saalkreis), † 28.09.1941 (Köln)
Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften
Dr. phil.
Geh. Regierungsrat

Karl Thiess (geb. am 19.9.1870 in Löbejün/Saalkreis) studierte Staatswissenschaften an den Universitäten Berlin und Heidelberg. Er wurde 1894 in Heidelberg über "Die Lohnverhältnisse in Berlin seit 1882" promoviert und war nachfolgend im Statistischen Amt der Stadt Berlin tätig. Ein Jahr später wurde er Generalsekretär des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften in Offenbach. Seit 1900 war Karl Thiess Vorstand der Hamburger Abteilung der Schifffahrtsgesellschaft Hamburg-Amerika-Linie. 1904 folgte er einem Ruf als o. Professor der Staatswissenschaften an die Technische Hochschule Danzig. 1908 trat er in die Verwaltung der Südmandschurischen Eisenbahngesellschaft in Tokio ein. Dort ernannte man ihn zum Rat im japanischen Reichseisenbahnamt. Als er 1911 nach Deutschland zurückkehrte, nahm er seine Lehrtätigkeit in Danzig wieder auf. Nach Köln kam Karl Thiess 1914. Er wurde Professor für Staatswissenschaften an der Handelshochschule und setzte sich für die Weiterentwicklung der Handelshochschule zur Universität ein. Er unterstützte auch die Einführung des Frauenstudiums sowie die Errichtung einer Evangelisch-Theologischen und einer Katholisch-Theologischen Fakultät. Als die Wiedereröffnung der Universität 1919 gelang, erhielt Karl Thiess ein Ordinariat für wirtschaftliche Staatswissenschaften. 1919 und 1925 wurde er zum Dekan der WiSoFakultät und von 1923-24 zum Rektor der Kölner Universität gewählt. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1936 hielt er weiterhin Lehrveranstaltungen. Karl Thiess veröffentlichte zahlreiche Beiträge zum Verkehrswesen, so z.B. 1901 den "Geschichtsabriß der deutschen Schiffahrt im 19. Jahrhundert, zugleich Darstellung der Entwicklung der Hamburg-Amerika-Linie", 1907 die "Deutsche Schiffahrt und Schiffahrtspolitik" und 1913 "Die Weltspur der Eisenbahn". Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Gebiet des Genossenschaftswesens, auf dem er u.a. "Handel und Genossenschaften" (1928), "Sozialpolitische Leistungen der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften (1898/99) publizierte. Außerdem engagierte er sich auf dem Gebiet der Finanzwirtschaft. Schließlich arbeitete Thiess auch über die "Hochschulbildung für Unternehmer" (1914), über die "Preisbildung im Kriege" (1916) und "Die Bedeutung industrieller Betätigung für den Staat" (1925). In einem Artikel in der Kölnischen Zeitung wies Erich Thiess 1920 auf die wachsende Bedeutung der Finanzwissenschaft im Gefüge der wirtschaftswissenschaftlichen Universitätsausbildung hin. Staat und Stadt benötigten seiner Ansicht nach eine neuartige betriebswirtschaftliche Struktur für Steuer- und Revisionswesen sowie für eigene Wirtschaftsbetriebe. Die Kölner Hochschule räumte daraufhin der Finanzwissenschaft in Vorlesungen und Übungen einen breiteren Raum ein. Es wurden Veranstaltungen zum Zollrecht, über neue Reichssteuern und ihren Einfluss auf die Betriebe und über Revisionstechnik angeboten. Vom WS 1921 an baute man zudem in Verbindung mit der Rechtswissenschaftlichen Fakultät einen finanzwissenschaftlichen Lehrgang neuer Art auf. Seit dem WS 1932/33 vertrat Karl Thiess seinen Kollegen Prof. Franz Helperstein auf dem Gebiet des Genossenschaftswesens. Thiess bot weiterhin Veranstaltungen zu diesem Themengebiet an, obwohl die Nationalsozialisten das Seminar für Genossenschaftswesen 1934 geschlossen hatten. Anlässlich seiner Rektoratswahl 1923 sprach Karl Thiess über das Thema Politik und Hochschulunterricht. Darin ging er auf Vorwürfe ein, die man den Hochschulen häufig machte, nämlich entweder apolitisch und weltfremd zu sein oder durch kritische Analysen aktueller Verhältnisse prinzipiell in staatsfeindlicher Opposition zu stehen. Er unterstützte eine bewusste politische und wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung der Studenten. Karl Thiess starb am 28. September 1941 in Köln.

Quellen: Hermann Corsten: Das Schrifttum der zur Zeit an der Universität Köln wirkenden Dozenten, Köln 1938, S. 16-20; Universitätsakte im Aktenplan des Rektorats (AR): s.u. "Thiess", 4.3.1954 und AR, s.u. "Hausinspektor", 25.2.1954; Ges. für Wirtschafts- u. Sozialwissenschaften (Hrsg.): Die Hochschullehrer der Wirtschaftswissenschaften, Berlin, 2. Aufl., 1966, S. 742; Frank Golczewski: Kölner Universitätslehrer und der Nationalsozialismus, Köln u.a. 1988, S 187f.; Senatskommission für die Geschichte der Universität zu Köln (Hrsg.): Kölner Universitätsgeschichte, Bd. II, Das 19. und 20. Jahrhundert, Köln u.a. 1988, S. 169, 267, 356-358, 412f., 564-568; Hannelore Ludwig: Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Lehre in Köln von 1901 bis 1989/1990, Diss. Univ. Köln 1990, Köln u.a. 1991, S. 96. DBE, Bd. 10, München u.a. 1999, S. 9.