Günter Schmölders

Rektor 1965 - 1966

* 29.09.1903 (Berlin), † 07.11.1991 (München)
Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften
Dr. rer. pol. Dr. rer. soc. oec. h.c. Dr. h.c.

Günter Schmölders (geb. am 29.9.1903 in Berlin) wurde 1926 in Berlin zum Dr. rer. pol. mit der Dissertation "Prohibition im Norden. Die Bekämpfung des Alkoholismus in den nordischen Ländern" promoviert. Von 1926-31 war er Assistent am Institut für Gärungsgewerbe an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. Mit der Arbeit "Die Ertragsfähigkeit der Getränkesteuern" (1932) habilitierte er sich bei Heinrich Herkner an der Universität Berlin und wurde bereits mit 28 Jahren Privatdozent. Er wurde Mitglied der NSDAP. 1934 berief man ihn als Nachfolger von Karl Bräuer auf eine a.o. Professorenstelle an die Universität Breslau, wo er 1938 zum o. Professor ernannt wurde. 1940 folgte er dem Ruf als Ordinarius an die Universität zu Köln. Von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1973 leitete er das Finanzwissenschaftliche Seminar sowie das Finanzwissenschaftliche Forschungsinstitut an der Universität zu Köln. 1959 gründete er zusammen mit Erwin K. Scheuch die erste Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik im europäischen Raum. Außerdem war er Mitbegründer des Zentralarchivs für empirische Sozialforschung und des Mittelstandsinstituts. Zweimal wählte man ihn zum Dekan der WiSo-Fakultät (1951-52 und 1960-61) und für die Amtszeit von 1965-66 zum Rektor der Universität zu Köln. Von der Gründung 1950 bis zum Jahr 1975 war er o. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesminister der Finanzen. 1959 nahm ihn die Akademie der Wissenschaften in Mainz als o. Mitglied auf. Die Universitäten Innsbruck (1968) und Gent (1973) zeichneten ihn mit der Ehrendoktorwürde aus. 1969 erhielt Schmölders das Große Bundesverdienstkreuz, 1984 den Bayerischen Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft. Schon in seinen frühen volkswirtschaftlichen Arbeiten beschäftigte Günter Schmölders sich mit den Auswirkungen von staatlichen Lenkungsmaßnahmen auf das ökonomische Verhalten der Bürger ("Die Prohibition in den Vereinigten Staaten", 1930; "Kartelle und Kartellpreise in der gelenkten Volkswirtschaft", 1943). In der Kölner Zeit konzentrierte er sich immer stärker auf die Gebiete der Finanzwissenschaft und der Geldwirtschaft. In den 1950er und 1960er Jahren lag der Schwerpunkt seiner Forschungen auf den Gebieten Steuerlehre, Finanzpolitik und Geldpolitik, wobei seine Schriften zur Steuerlehre auch konkrete politische Auswirkungen hatten. Mit "Organische Steuerreform" (1953), "Umbau des Steuersystems" (1953) u.a. bereitete Schmölders die Reform der Umsatzsteuer zur Mehrwertsteuer vor. Gleichzeitig förderte er die Entstehung des "Bundes der Steuerzahler" als Kontrollorgan staatlicher Behörden in Deutschland (seit 1949). Er war zeitweise Präsident und Vorstandsmitglied dieser Vereinigung. Er wendete sich gegen Verschwendung und Misswirtschaft in öffentlichen Haushalten. Seine wirtschaftswissenschaftlichen Beiträge werden zur "Public Choice-Schule" gerechnet, in denen politische Prozesse auch als Marktprozesse behandelt werden. Schmölders stützte sich in erster Linie auf die empirische Ermittlung des alltäglichen ökonomischen Verhaltens des Menschen und der psychologischen Hintergründe. Sein Buch "Das Irrationale in der öffentlichen Finanzwirtschaft. Probleme der Finanzpsychologie" (1960) beruht zum größten Teil auf einer Bevölkerungsumfrage der Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik in Köln und des EMNID-Instituts in Bielefeld. Er analysierte die Einstellungen der Menschen zum Geld, zur Steuer, zu den öffentlichen Ausgaben und zum Staat allgemein. Dabei prägte er die Begriffe wie "Steuermoral", "Steuermentalität", "Steuerwiderstand" und untersuchte deren Bedeutung im europäischen Vergleich ("Allgemeine Steuerlehre", 1951). Im Bereich der Geldtheorie veröffentlichte Schmölders "Von der Quantitätstheorie zur Liquiditätstheorie des Geldes", (1961), "Geldpolitik" (1962), zudem war er Mitherausgeber des "Lexikon für das Geld-, Bank-, und Börsenwesen" (1957) sowie seit 1953 Mitherausgeber der "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen". Günter Schmölders achtete in seinen Publikationen und Vorträgen sehr auf allgemein verständliche Formulierungen. Seine Lehrbücher wurden mehrfach neu aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er unternahm zahlreiche Studienreisen ins Ausland. In jüngerer Zeit wird Schmölders Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Einerseits wird sein Engagement für oppositionelle Bewegungen wie den "Freiburger Kreis" um Erwin von Beckerath und den "Kreisauer Kreis" um den Grafen Peter York von Wartenburg und Helmut James Graf von Moltke hervorgehoben. In geheimen Treffen wurde eine neue Wirtschaftsordnung jenseits der Plan- und Befehlswirtschaft Adolf Hitlers entworfen. Hierfür lieferte Schmölders Gutachten, die den Weg in die Soziale Marktwirtschaft vorbereiten sollten und die er 1969 veröffentlichte. Andererseits wird ihm seine Mitarbeit an Projekten der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung vorgeworfen, für die er wirtschaftliche Probleme der Niederlande untersuchte. Günter Schmölders starb im Alter von 88 Jahren am 7. November 1991 in München.

Quellen: Günter Schmölders: "Wirtschaftslenkung als angewandte Wirtschaftswissenschaft", Festrede gehalten bei der Feier des Tages der nationalen Erhebung verbunden mit der feierlichen Immatrikulation für das Trimester 1941 am 29. Januar 1941, Köln 1941, S. 3-27; Ges. für Wirtschafts- u. Sozialwissenschaften (Hrsg.): Die Hochschullehrer der Wirtschaftswissenschaften, Berlin, 2. Aufl., 1966, S. 655; Willy Haubrichs (Hrsg.): An den Grenzen der Belastbarkeit. Festschrift für Günter Schmölders zum 75. Geburtstag, Frankfurt a.M. 1978,; Hannelore Ludwig: Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Lehre in Köln von 1901 bis 1989/1990, Diss. Univ. Köln 1990, Köln u.a. 1991, S. 32f.; Christine Blumenberg-Lampe: Oppositionelle Nachkriegsplanung: Wirtschaftswissenschaftler gegen den Nationalsozialismus, in: Eckhard John (Hrsg.): Die Freiburger Universität in der Zeit des Nationalsozialismus, Freiburg u.a. 1991; S. 209, 215; UAK, Rektor König: Nachruf auf Günter Schmölders, Mai 1992; Guy Kirsch: Gedenkrede anläßlich der Akademischen Gedenkfeier der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln für Günter Schmölders am 11.11.1992, in: Kölner Universitätsreden 73, S. 3-15; DBE, Bd. 9, München u.a. 1998, S. 38; Notker Hammerstein: Die Deutsche Forschungsgesellschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945, München 1999, S. 530; Kat.: Von der Handelshochschule zur Universität. 100 Jahre wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehre und Forschung in Köln, Universitäts- und Stadtbibliothek, Köln 2001, S. 82-85; Andreas Schott: Adam von Trott zu Solz: Jurist im Widerstand. Verfassungsrechtliche und staatspolitische Auffassungen im Kreisauer Kreis, Paderborn u.a. 2001, S. 87, 160, 162; Günter Schmölders: 'Gut durchgekommen?'. Lebenserinnerungen, Berlin 1988, unveränd. Nachdruck 2002; Leo Haupts: "Die 'Universitätsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung' und die Politische Indienstnahme der Forschung durch den NS-Staat. Das Beispiel der Universität zu Köln", in: Rheinische Vierteljahrs-Blätter, Jg. 68, 2004, S. 172-200.