Gernot Gutmann

Rektor 1983 - 1985

* 26.11.1929 (Freiburg im Breisgau)
Professor für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik
Dr. rer. pol. Dres. h.c.

Gernot Karl Gutmann (geb. am 26.11.1929 in Freiburg i.Br.) wurde noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges von Februar bis Mai 1945 zum Militärdienst eingezogen, geriet in Kriegsgefangenschaft, legte 1949 das Abitur ab und begann sein Studium der Volkswirtschaftslehre 1951 an der Universität Freiburg i.Br. Dort bestand er 1954 sein Diplomexamen und wurde 1956 zum Dr. rer. pol. über "Die Angebotsentwicklung in der Rheinschiffahrt und ihre Steuerung durch die Frachtenbildung" zum Dr. rer. pol. promoviert. Nachfolgend arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft am Volkswirtschaftlichen Seminar der Universität Freiburg i.Br. und wurde von 1957-58 Mitarbeiter in der Forschungsstelle zum Vergleich wirtschaftlicher Lenkungssysteme am Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Marburg. Anschließend übernahm er 1958 eine wissenschaftliche Assistentenstelle am Lehrstuhl von Paul Hensel und habilitierte sich 1963 für Volkswirtschaftslehre mit der Arbeit "Theorie und Praxis der monetären Planung in der Zentralverwaltungswirtschaft. Schriften zum Vergleich von Wirtschaftsordnungen". 1965 bestellte man ihn zum Mitleiter der Forschungsstelle zum Vergleich wirtschaftlicher Lenkungssysteme. 1970 erfolgte die Ernennung zum Wissenschaftlichen Rat und Prof. für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftstheorie und Theoretische Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig wurde er mit der Leitung des Staatswissenschaftlichen Seminars an der Universität Marburg beauftragt. 1971 folgte Gernot Gutmann dem Ruf an die Universität zu Köln. Hier übernahm er den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaften und wurde Direktor des Staatswissenschaftlichen Seminars. Zudem betraute man ihn 1974 mit der Leitung des Wirtschaftsarchivs der WiSo-Fakultät der Universität zu Köln. Von 1978-86 berief man Gutmann in das wissenschaftliche Direktorium des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Im gleichen Zeitraum war er Vorstandsmitglied des Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrats in Marburg. Innerhalb der akademischen Selbstverwaltung der Universität zu Köln engagierte er sich von 1982-83 als Dekan der WiSo-Fakultät und von 1983-85 als Rektor. Anschließend war er bis 1993 geschäftsführender Vorstand der Berliner Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen. 1987-91 hatte er ferner den Vorsitz der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Verein für Socialpolitik) inne. In die deutsche UNESCO-Kommission wurde er von 1988-92 zum Mitglied gewählt. Von 1991-93 berief man ihn zum Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, um die wissenschaftliche Ausbildung an die neuen Verhältnisse anzupassen und das neu eingeführte Fach "Marktwirtschaft in der ehemaligen DDR und im Osten" zu vertreten. In diesen zwei Jahren war er in Köln von Vorlesungen freigestellt, betreute aber weiterhin seinen Lehrstuhl und pendelte deshalb häufig zwischen Köln und Leipzig hin und her. Seit mehreren Jahren hält er Gastvorlesungen an den Universitäten in Sofia (Bulgarien), in der kirgisischen Hauptstadt Bisckek und im sibirischen Omsk (Russland). 1968 erhielt er den Brüder Murhardt-Preis der Stadt Kassel, 1993 die Caspar-Borner-Medaille der Universität Leipzig und 1998 die Ehrenmedaille am blauen Band der Kliment-Ohridski-Universität Sofia. Die Universitäten Leipzig (1994), Sofia (2000) und die Kirgisisch-Russisch-Slawische Universität in Bisckek (2003) zeichneten ihn mit der Ehrendoktorwürde aus. Die Hauptarbeitsgebiete von Gernot Gutmann liegen in der Wirtschaftlichen Ordnungstheorie und Ordnungspolitik sowie im Vergleich von Wirtschaftssystemen. Dabei hat er sich schwerpunktmäßig mit der sozialen Marktwirtschaft westlicher Prägung, vor allem mit der Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt und sich zu aktuellen Problemen geäußert. Vergleichend untersuchte Gutmann die marxistisch-leninistisch begründete Zentralverwaltungswirtschaft sowjetischen Typs, insbesondere der DDR. In diesem Zusammenhang analysierte er den Zusammenbruch der politischen Systeme in Zentral-, Ost- und Südosteuropa, beschäftigte sich aber auch mit dem Prozess der europäischen Einigung. Daneben setzte er sich mit alternativen Konzepten, mit sog. "Dritten Wegen" auseinander. Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen als Autor und (Mit-)Herausgeber gehören: "Die Wirtschaftsverfassung der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklung und ordnungspolitische Grundlagen" (mit H.-J. Hochstrate und R. Schlüter 1964), die Beiträge "Individuelle Freiheit, Macht und Wirtschaftslenkung. Zur neoliberalen Konzeption einer marktwirtschaftlichen Ordnung" (1972), "Marktwirtschaft und freiheitlich-demokratische Verfassungsordnung" (1975) und "Die Wirtschaftsordnung der DDR im Reformexperiment. Bemerkungen aus theoretischer Sicht" (1983). Darüber hinaus publizierte er den Aufsatz "Systemvergleich als Forschungsfeld der Wirtschaftswissenschaft. Definitionen, Kriterien und wissenschaftstheoretische Fundierung: Ein Überblick über offene Probleme" (1987). Zudem schrieb er das Lehrbuch "Volkswirtschaftslehre" (1981, 5. Aufl. 1993), weiterhin "Ethische Grundlagen und Implikationen der ordnungspolitischen Konzeption 'Soziale Marktwirtschaft'" (1989), sowie die Aufsätze "Die Entwicklung der Wirtschaftssysteme in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg" (1992), "Wettbewerbstheorie und Wachstumstheorie: Chance für eine Synthese?" (1995), "Ideengeschichtliche Wurzeln der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft" (1998), "Die ethischen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft" (2001). 1998 kritisierte er die wirtschaftspolitische Entscheidung der Regierung der Bundesrepublik Deutschland allein eine staatliche Monopolagentur wie die Treuhandanstalt mit der Privatisierung des "Volkseigentums" zu beauftragen. Durch verschiedene Auflagen wurde und wird nach Ansicht Gutmanns dadurch ein wettbewerbsförderliches Handeln erheblich erschwert und die Modernisierung der ostdeutschen Wirtschaft verzögert. Privat engagiert Gernot Gutmann sich im Bereich der kirchlichen Ökumene. Seit Ende Februar 1995 ist er emeritiert und lebt in Bergisch Gladbach.

Quellen: Ges. für Wirtschafts- u. Sozialwissenschaften (Hrsg.): Die Hochschullehrer der Wirtschaftswissenschaften, Berlin, 2. Aufl., 1966, S. 223; Werner Klein u.a. (Hrsg.): Soziale Marktwirtschaft. Ein Modell für Europa. Festschrift für Gernot Gutmann zum 65. Geburtstag, Berlin 1994; Edmund Ruppert: "Professor Dr. Gernot Gutmann: 'Entwicklungshelfer' für Volkswirtschaften im Osten. Vom Rhein über Leipzig, Bulgarien und Kirgistan nach Sibirien", in: Rheinisch-Bergischer Kalender 2003, 73. Jg., S. 216-222.